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Titelfoto: Mathias Neubauer

Placebos scheinen oft genauso wirkungsvoll zu sein wie „echte Pillen“. Und für Studien werden medizinische Eingriffe nur simuliert. Das unglaubliche Ergebnis: Sie wirken oft genauso gut wie die echte OP!

 

SPIEGEL-Bestsellerautor Dr. Frank Wittig

geht diesem spannenden Thema auf den Grund

 

HIGHTECH SCHAMANEN

 

In keinem Land wird so viel operiert wie in Deutschland – doch viele Eingriffe sind vollkommen nutzlos. Nonsens-Chirurgie, nicht wirkungsvoller als die Beschwörungsformeln der Schamanen. Hightech-Schamanen? Unsere Mediziner? Das klingt zunächst absurd. So, als wolle man Elektrotechnik und Zauberei „in einen Topf werfen“. Doch interessanterweise drängt sich diese Bezeichnung gerade durch die medizinische Forschung auf: Wenn in Amerika ein medizinischer Eingriff in einer kontrollierten Studie auf seine Wirksamkeit hin untersucht wird, gibt es eine Gruppe von Patienten, die wirklich behandelt werden und eine Kontrollgruppe, für die nur das Brimborium der Behandlung aufgeführt wird. Sehr realistisch, damit die Patienten nicht unterscheiden können, ob sie in der echten oder nur in der Kontrollgruppe sind. Besonders gut geht das bei minimalinvasiven Eingriffen, also bei Eingriffen, die mit einem Endoskop oder einem Katheter ohne große Operation durchgeführt werden können.

In der Fachsprache heißt es, man operiert „against sham“, also gegen Schamanismus. Zahlreiche Studien ergaben, dass Sham genauso gut wirkt, wie der echte Eingriff. Knorpelglättung im Knie bei Knieschmerzpatienten. Koronar-Stent (Gefäßstütze) bei der Herzerkrankung „stabile Angina Pectoris“, Radiofrequenz-Behandlung bei Asthma, Implantation von Gehirnzellen abgetriebener Embryonen bei Parkinson-Kranken, Operation bei Tennisarm … Alles Eingriffe, die ein (in unserer von mechanistischen Denkweisen geprägten Kultur) plausibles Konzept verfolgen. Alles Eingriffe, die hunderttausenden von Patienten geholfen haben. Doch sie wirken nur durch Suggestion, durch den Glauben an das Konzept, durch ein beeindruckendes Ritual: reiner Hightech-Schamanismus.

 

Schamanismus

Er war über Jahrzehntausende der Goldstandard in der Medizin und ist es noch heute bei allen Natur-Völkern.

Diese Völker zeichnen sich durch eine magisch animistische (beseelte) Weltsicht aus. Die Welt wird in dieser Kultur nicht von Naturgesetzen beherrscht, sondern von Geistern. Und wenn es ein Problem gibt, eine Krankheit etwa, dann macht sich der Schamane auf zu einer Reise in die Welt der Geister, um das Problem dort zu lösen. Dazu gehört ein Ritual (Tanz, Musik, Trance …) das in der Regel in der Dorfgemeinschaft aufgeführt wird. Und dann zieht der Schamane beispielsweise den bösen Geist aus dem Körper des Kranken. Der Heiler glaubt an dieses Konzept, die Patienten glauben daran und die Gemeinschaft glaubt ebenfalls daran. Anthropologen sprechen vom wirksamen „schamanischen Dreieck“.

Dieses schamanische Dreieck funktioniert auch in der westlichen Medizin. Allerdings natürlich nicht unter magisch-animistischen Vorzeichen, sondern im Zusammenspiel mit einer mechanistisch geprägten Weltsicht, im Kontext naturwissenschaftlich-medizinischer Vorstellungen im engeren Sinne.

In unserer Medizin-Kultur spielen Geister keine Rolle. Es geht um Blutwerte, das Immunsystem oder um Organe. Dennoch gibt es starke Ähnlichkeiten zum Schamanismus: Etwa das beeindruckende Ritual: Die Bühne, auf der der Hightech-Schamanismus aufgeführt wird, ist ausgestattet mit weiß bekittelten Experten (bei der Visite), beeindruckender Diagnosetechnik (Computertomograf) und einem Hightech-Operationssaal mit einem auffällig kostümierten Medizin-Team. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Auch ich bin davon überzeugt, dass unser biomedizinisches Weltbild sehr viel näher an den medizinischen Tatsachen ist als ein magisches Weltdenken. Aber die Ergebnisse zahlreicher Studien „against sham“ zeigen ganz unmissverständlich, dass wir mit unseren Einschätzungen oft falsch liegen und dass die Erfolge unserer Medizin häufig nur auf Suggestion – also auf der beeindruckenden Kraft des medizinischen Rituals beruhen.

 

Implantation von Gehirnzellen abgetriebener Embryonen bei Parkinson-Kranken - ein Eingriff, der vielen Patienten geholfen hat. Doch es wirkt nur durch Suggestion, durch den Glauben an das Konzept, durch ein beeindruckendes Ritual: reiner Hightech-Schamanismus.

 

Die Arzneimittelhersteller wissen das schon lange!

In der Pharmazie gilt dieses Wissen nach fast 80 Jahren Forschung als gesichert akzeptiert. Placebo-Medikamente – also medizinisch eigentlich wirkungslose Substanzen - können außerordentlich wirksam sein. Im 2. Weltkrieg wurden Schwerstverwundete – aus Mangel an Betäubungsmitteln - mit Kochsalzlösung von ihren Schmerzen befreit. Placebo-Medikamente wirken umso besser, je aufwendiger sie verabreicht werden. Die Spritze wirkt stärker als die Pille. Und die Spritze wirkt besser, wenn sie nicht von der Schwester, sondern vom Arzt verabreicht wird.  Und sie wirkt noch besser, wenn der Arzt dem Patienten dabei zugewandt gegenübertritt. Beim Placebo hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es ratsam ist, diese Behandlungsmöglichkeit systematisch medizinisch zu nutzen. Die Gruppe 1328 der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) – beteiligt sind sieben deutsche Universitätskliniken – hat das Ziel, das Placebo in die klinische Praxis zu überführen. Die Möglichkeiten des Hightech-Schamanismus oder sagen wir der suggestiven Apparatemedizin wird in der Fachöffentlichkeit hingegen noch gar nicht wahrgenommen. Eine verschenkte Chance.

Kein Wunder, gerade in der eminenzbasierten deutschen Medizin, die weniger durch wissenschaftliche Forschungsergebnisse, sondern vielmehr durch einflussreiche Professoren gesteuert wird. Bezeichnenderweise hat es in Deutschland noch nicht eine einzige Studie „against sham“ gegeben. Sich selbst oder seine Kollegen als Hightech-Schamanen zu entlarven, das käme heute keinem deutschen Mediziner in den Sinn. Und was sollte die Folge sein? Behandlungskonzepte aufgeben, von denen die Patienten offensichtlich profitieren?

Durch Hightech-Schamanismus völlig neue Möglichkeiten

Ich finde, wir sollten die schamanische Apparatemedizin weiterentwickeln. Beziehungsweise, ihr Potenzial erforschen. Wie in der Placebo-Medizin bekannt ist, dass auch offene Placebos wirken („Sie bekommen hier ein Palcebo. Das ist eigentlich eine wirkungslose Substanz. Aber wir haben gute Erfahrungen damit gemacht.“), so müsste auch eine offene Anwendung von Hightech-Schamanismus Erfolge erzielen können. Beeindruckende Apparaturen mit ungefährlichen Lasern, die komplizierte Geräusche machen. Denkbar ist auch der Einsatz von augmented oder virtueller Realität – im Computer erzeugte Szenerien, in die wir mit 3D-Brillen eintauchen können. Patienten könnten im Cyberspace der Computersimulation an den Eingriffen beteiligt sein. Je nach Vorliebe der Patienten können eher esoterische Ansätze (reinigendes Licht) oder technische Instrumente (Laserskalpell) zum Einsatz kommen. Im Cyberspace der Computersimulation sind der Suggestiv-Medizin keine Grenzen gesetzt. Denkbar ist auch die Kombination mit Hypnose. Was spricht dagegen, solche Ansätze in einer Studie mit Patienten zu untersuchen, die etwa eine Chemotherapie gegen Krebs bekommen? Eine Studien-Gruppe erhält nur Chemo, die andere Gruppe Chemo plus Hightech-Schamanismus. Die akademische Medizin hat bisher auf viele Gesundheitsprobleme noch keine wirksame Antwort gefunden. Chronische Erkrankungen, psychosomatische (körperlich-seelische) Störungen – in meinen Augen muss sich die Medizin hier prinzipiell weiterentwickeln. Suggestiv-Medizin muss ein Thema werden. Der in der westlichen Welt typische Ingenieursarzt, der Störungen in der Körpermaschine repariert, hat offensichtlich nicht das passende Werkzeug, um gegen chronische und psychosomatische Krankheiten vorzugehen. Hier eröffnet der Hightech-Schamanismus völlig neue Möglichkeiten.

Wichtig wäre für diese Weiterentwicklung medizinischer Behandlungsmöglichkeiten, dass man diesen Ansatz gegen Scharlatanerie-Vorwürfe wappnet. „Die tun ja nur so als ob“ ist die falsche Reaktion. Wer anerkennt, dass der Mensch ein Zusammenschluss aus Körper und „Seele“ ist, die dicht miteinander verschränkt sind und von denen das Eine jeweils vielfältig ins Andere hineinspielt, muss auch anerkennen, dass Suggestivmedizin echte Wirkungen hat. Noch ein weiterer Aspekt spricht für die Anwendung von Hightech-Schamanismus: Mit Sicherheit ist er arm an Nebenwirkungen.

 

Ein Beitrag von Spiegel-Bestseller Autor Dr. Frank Wittig,

SWR - Abteilung Wissenschaft - Redaktion Odysso.

 

 

Mehr spannende Fakten zum Thema gibt’s in seinem neuen Buch: Hightech Schamanen, erschienen im RIVA – Verlag.

 

 

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